Die vielleicht erste viersprachige Geburtsszene der Literatur
Sonntagslektüre: Ein Kapitel aus «Schatten der Pinus» sowie ein Interview mit der Autorin Martina Caluori über die Bedeutung der Geburt in ihrem Roman und in der Kunst.
Happy Sunday! Heute hab ich Literatur für dich. Es ist ein Kapitel aus Martina Caluoris Debütroman «Schatten der Pinus» – und die vielleicht erste Geburtsszene der Literatur, die viersprachig erzählt wird.
Martina Caluori und ich sind befreundet, und unsere Gespräche drehen sich oft um die Rollen von Frauen in der Literatur, um die Darstellung von Erfahrungen, die nicht immer nur angenehm zu lesen sind. Als wir uns kürzlich über die Geburtsszene in ihrem Roman austauschten, kam ich auf die Idee, dieses Gespräch zu öffnen und euch dazu einzuladen.
Hier nun also zunächst der Auszug aus «Schatten der Pinus» – und im Anschluss das Interview mit Martina Caluori, über die Bedeutung der Geburt in ihrem Roman, in der Literatur und in ihrem eigenen Leben als Mutter.
Auszug aus «Schatten der Pinus» von Martina Caluori

Martina Caluori im Kurzinterview über die Geburtsszene in «Schatten der Pinus» und in der Literatur
Martina, erzähl mir von der Geburtsszene in deinem Buch. Welchen Stellenwert hat sie für dich, und in deinem Roman?
«Sie ist ein Moment, in dem Körper, Sprache und Zeit gleichermassen aufreissen. Sie markiert eine Grenze: zwischen Leben und Tod, zwischen Kindheit und Mutterschaft, aber auch zwischen den Sprachen, in denen die Figur denkt und fühlt. In der Szene verdichten sich Themen, die im ganzen Buch verhandelt werden: Verletzlichkeit, Gewalt, Fürsorge, die Frage, wem ein Körper gehört. Und das nicht nur semantisch, sondern auch formal: Die Sprache setzt an, bricht ab, nimmt Bilder und Rhythmen wieder auf, verliert zeitweise ihre Orientierung, ähnlich wie der Körper selbst.»
Geburtsszenen sind in der Literatur, in der Kunst, oder auch im Film – du hast ja auch Filmwissenschaft studiert – oft nicht explizit dargestellt. Was verpassen wir dadurch?
«Filmgeschichtlich ist es auffällig, wie stark Geburt unsichtbar gehalten wurde – teils aus Zensurgründen, teils, weil weiblich codierte Körper traditionell als scham- oder abjektbesetzt galten, oder sie wurde in stereotype Muster gezwängt: ein kurzer Schrei, ein Schnitt, das gereinigte Kind im Arm der Mutter. In vielen Filmen erscheint Geburt also als dramaturgische, stilisierte Markierung, nicht als Erfahrungsraum. In der Literatur ist es ähnlich. Noch im 20. Jahrhundert wird Geburt oft ausgelagert: in den Nebenraum, an die Perspektive der Ärzt:innen, oder sie wird nur angedeutet, während Sex und Gewalt längst explizit geworden sind. Was wir dadurch verpassen, ist eine Erzählung des Gebärens aus erster Person, aus der Innenperspektive einer gebärenden Figur, in der Ambivalenz, Kontrollverlust, Körperlichkeit, Lust und Ekel ineinander übergehen. Reale Geburt verschwindet, und an ihre Stelle tritt eine metaphorische Geburt – als Bild für künstlerisches Schaffen, für göttliche Schöpfung oder männliches Genie –, während der tatsächliche Akt, das Risiko, der Schmerz und die Verletzlichkeit unsichtbar bleiben. So werden gebärende Körper symbolisch gezähmt, entschärft oder ästhetisch geglättet. Mich interessiert, wie sich der Blick verschiebt, wenn man die Geburt nicht züchtig „wegschneidet“, sondern die Materialität der Szene ernst nimmt: Körperflüssigkeiten, Atemgeräusche, das Rissige der Erfahrung. Dann wird Geburt plötzlich strukturell lesbar: als Gefüge von Verhältnissen von Einfluss und Abhängigkeit, in denen Leben und Sterben, Normkörper und körperliche Vielfalt, aber auch das Sprechen darüber und damit Sprache verhandelt werden. Geburt erscheint so nicht als privat-biografisches Ereignis, sondern als Nahtstelle unter anderem von Geschichte, Religion und Medizin. Sie erweist sich als Grenzerfahrung, als Unverfügbarkeit, als eingeschriebenes Leibgedächtnis und als Wissensort. Wichtig ist mir, dass Geburt nicht nur dann erzählbar ist, wenn am Ende ein lebendes Kind im Arm liegt. Stille Geburten, Aborte, Totgeburten, Abbrüche, das Verstummen von Schwangerschaften, die im familiären und gesellschaftlichen Umfeld kaum Sprache finden; Erfahrungen, die bis heute oft von Schweigen, Stigma und mangelnder Anerkennung geprägt sind. Die Figur, die in der beschriebenen Szene gebärt, trägt eine Vorgeschichte der Gewalt und des Nicht-Gesagten in sich, ohne dass dies explizit narrativ ausgestellt wird. Ihr Körper erinnert, bevor Sprache einsetzt: Traumatische Erfahrungen sind leiblich eingeschrieben und werden oft zunächst über körperliche Reaktionen, Affekte und Dissoziationen aktualisiert, lange bevor sie erzählbar werden. Die Szene nimmt diesen Befund ernst, indem sie zeigt, wie sehr Geburt, jede Geburt, von früheren Erfahrungen, davon, wer über den Körper verfügt, und von dem, was nicht ausgesprochen werden darf, mitgeprägt ist, sodass sie nicht als einheitliches Moment erscheint, sondern als Überlagerung verschiedener Zeiten und Stimmen.»
Im Buch und auch im besagten Kapitel sind vier Sprachen verwoben: Deutsch, Englisch, Italienisch und das rätoromanische Idiom Puter. Es ist möglicherweise das erste Mal, dass eine Geburtsszene in der Literatur in so vielen Sprachen erzählt wird. Welche Bedeutung hat das für dich?
«Die Mehrsprachigkeit im Roman konzentriert sich in der Figur der alten Dame. Ihre Sprachen sind keine dekorative Fähigkeit, sondern die Schichtung eines langen Lebens, eines Lebens in Bewegung. Jede Sprache trägt eine eigene Zeit, eigene Räume, eigene Verluste in sich. Wenn die Geburtsszene mehrsprachig erzählt wird, dann deshalb, weil die Erinnerung der alten Dame selbst vielstimmig ist. Es ist ein Überlagern von Erinnerungsfragmenten, Dialekten, Gebeten, vielleicht die Sprache der eigenen Mutter, und noch anderem mehr.»
Du bist selbst Mutter von zwei Kindern. Inwiefern hat sich deine Perspektive auf Geburten und die Darstellung von Geburten seither verändert?
«Meine eigenen Geburten haben mein Verständnis davon, wie Geburt erzählbar wird, tiefgreifend verändert. Vorher war Geburt für mich vorwiegend ein Motiv, ein kulturelles Bild. Etwas, das in Texten und Filmen passiert. Nach der eigenen Erfahrung wurde sie zu etwas existenziell Konkretem: ein Zustand eigener Zeitlichkeit, in dem man zugleich Subjekt und Objekt ist, handelnd und ausgeliefert. Seither schaue ich kritischer auf Darstellungen, in denen Gebärende als passive Hüllen inszeniert werden, während Ärzt:innen oder Partner:innen die eigentliche Handlung tragen. Mich interessiert, wie sich eine Poetik entwickeln lässt, die diese Spannung aushält: eine Sprache, die im Schmerz brüchig wird, ohne die Figur zum stummen Körper zu degradieren. Deshalb arbeitete ich in der Szene stark mit körperlichen Details, mit der Rhythmik von Spannung und Entladung, mit Zuständen, die sich verändern und ineinander übergehen, und mit dem, was nicht mehr „schön“ gesagt werden kann, mit einer Syntax, die sich zusammenzieht und abbricht. Gleichzeitig hat mich das Mutterwerden sensibler gemacht für die strukturellen Bedingungen: Warum gelten manche Geburten als “normale” Geburten, welche Geburt wird pathologisiert, welche romantisiert? Wer verfügt in welchen Kulturen über das Narrativ von Geburt und wie wird erzählt? In meinem Schreiben versuche ich u. a. auch diesen Fragen nachzugehen: Geburt als körperliche und emotionale Grenzerfahrung, als kulturell streng geformtes Bild und als formale Herausforderung, als Akt, in dem verletzliche, widersprüchliche, sich der Versöhnung entziehende Körper nicht nur sichtbar werden, sondern eigensinnig als Trägerinnen von verkörperter Erfahrung auftreten.»
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